Unterstützer
Grußwort Julia Karnick
Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer der Volksinitiative „Eine Schule für Alle!”,
Sabine Boeddinghaus hat, als Sie mich gefragt hat, ob ich ein Grußwort sprechen würde, eine gute Wahl getroffen. Ganz unbescheiden kann ich sagen: Ich bin genau die Richtige für diese Aufgabe. Denn ich bin der lebende Beweis dafür, dass man auch solche Eltern von der Idee eine „Schule für Alle” überzeugen kann, die eigentlich zur klassischen Klientel der Gymnasiums-Lobby gehören.
Ich stamme aus einer bildungsorientierten Familie, meine Eltern waren beide Lehrer, konservativ, protestantisch-leistungsorientiert, ich und meine Schwestern haben das Gymnasium besucht – etwas anderes wäre niemals in Frage gekommen. Ich war eine gute Schülerin. Ich bin Journalistin geworden, mein Mann ist Arzt, wir haben zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt, die beide keine schulischen Probleme haben. Und selbstverständlich wünschen wir uns für unsere Kinder, dass Sie eine optimale Schulbildung erhalten.
Vor drei Wochen ist unser Sohn in die fünfte Klasse gekommen. Er hatte, wie von den Eltern erhofft, eine Gymnasialempfehlung. Aber statt ihn auf ein Gymnasium zu schicken, besucht er eine integrative Gesamtschule. Und statt Unterschriften für „Wir wollen lernen” zu sammeln, wünsche ich nun der Volksinitiative „Eine Schule für Alle” Erfolg. Wie konnte das geschehen?
Ich könnte nun ausführlich erzählen von unseren Gesprächen mit anderen Eltern. Von unserer wachsenden Skepsis dem Gymnasium gegenüber, dass offenbar nur dank intensiver elterlicher Unterstützung funktioniert. Ich könnte mein soziales Gewissen preisen, das anfing zu pochen, als ich mich – beruflich und privat – mit dem deutschen Schulsystem beschäftigte: Darf es sein, dass ein großer Teil der Kinder qua Geburt keine Chance auf schulischen Erfolg hat? Nein, das darf nicht sein. Und ja, ich bin so altmodisch zu glauben, dass gerade die privilegierten Schichten erstens Verantwortung tragen für das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft. Und sich zweitens ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie das soziale Auseinanderbrechen dieser Gesellschaft weiter dulden, bzw. vorantreiben: Am Ende wird der Wohlstand aller darunter leiden, das zeichnet sich ja jetzt schon ab – die Mittelschicht in Deutschland bröckelt und mit ihr der soziale Frieden.
Die Wahrheit ist aber: Wenn es dann ganz konkret um die Zukunft des eigenen Kindes geht, interessiert einen als Mutter oder Vater die gesamtgesellschaftliche Zukunft, das Schicksal von Kevin, Chantal oder Mahmut, höchstens am Rande. Das sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn Sie Unterschriften sammeln: Der am Ende ausschlaggebende Grund dafür, dass wir unseren Sohn in „Eine Schule für Alle” gegeben haben, hatte nichts mit politischer Überzeugung und sozialem Gewissen zu tun. Der ausschlaggebende Grund war der: Wir haben gelesen, geredet, zugehört, diskutiert, begutachtet, nachgedacht – und am Ende waren wir davon überzeugt, dass „Eine Schule für Alle” nicht nur die bessere Schule für sozial benachteiligte Kinder ist. Sondern die bessere Schule für wirklich alle Kinder, auch für unsere eigenen, die nun wahrlich nicht benachteiligt sind, im Gegenteil.
Ich weiß, dass ein guter Slogan immer ein kurzer Slogan ist. Aber eigentlich fehlt ein Wort in dem Slogan „Eine Schule für Alle”. Denn eigentlich heißt unser gemeinsames Ziel „Eine ANDERE Schule für Alle.” Nicht nur eine Schule, die gerechter ist. Wir wollen „Eine Schule für Alle”, die den Spaß am Lernen nicht verdirbt. Eine Schule, an der man ganz anders arbeitet und andere Fähigkeiten erlernt als am Durchschnittsgymnasium. Eine Schule, die nicht nur auf die Langsamen Rücksicht nimmt, sondern auch den Schnellen erlaubt, ihr eigenes Lerntempo zu finden. Die im Miteinander von ganz unterschiedlichen Kindern die soziale Intelligenz fördert, die zu Eigeninitiative, Kritikfähigkeit und Kreativität erzieht, statt Prüfungswissen einzutrichtern: Kompetenzen – dies an die Adresse eher marktwirtschaftlich orientierter Menschen - die nicht nur im Herzen linker Sozialpädagogen, sondern auch in den Personalabteilungen einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Eine Schule, die nicht nur die Schwachen auffängt, sondern auch die Lernstarken nicht aufhält.
Echte Leistungsbereitschaft entsteht aus der Freude am Lernen und am Lernerfolg, nicht aus Leistungsdruck und Angst vor Versagen – das weiß jeder, der ein Schulkind hat. „Eine Schule für Alle”, das bedeutet nicht: „Tür zu, kein Kind verlässt den Raum!” Sondern: „Augen und Ohren auf, hier wird mit ganz anderen Unterrichtsmethoden unterrichtet, als wir es aus der eigenen Schulzeit kennen – hier wird ein modernes, zeitgemäßes und zukunftstaugliches Bildungssystem installiert!” Das ist die Botschaft, die mich überzeugt hat.
Viele Eltern sind zwar unzufrieden mit der Schule, wie sie heute ist, können aber nicht glauben, dass es anders und besser geht: Wie auch? Wir alle kennen Schule nur, wie sie heute ist. Solche Eltern sollten wir nicht, wie neulich auf einer Veranstaltung zur Einführung der Primarschule geschehen, als „Besitzstandswahrer” diffamieren. Schließlich gründet die Skepsis dieser Eltern auf einem Wunsch, den wir alle teilen: Auch diese Eltern wollen, wie die meisten Eltern, nur das Beste für ihre Kinder. Und das ist ihr gutes Recht. Auch ich war lange skeptisch – und, das gebe ich zu: Dass wir unseren Sohn einer „Schule für Alle” anvertraut haben, empfinde ich zwischendurch immer wieder als aufregendes Abenteuer, denn „Eine Schule für Alle” ist für mich – wie für die Mehrheit aller Eltern und auch Lehrerinnen und Lehrer – ein völlig neuer Weg.
Neue Wege aber verunsichern uns schnell, zumindest uns Erwachsene. Kinder sind da ganz anders: Die meisten Kinder lieben neue Wege, sie lieben das Spannende, das Ausprobieren, die Überraschung, das Abwechslungsreiche, das Abenteuer. Wann, auf unserem eigenen Weg ins Erwachsenenleben, ist uns diese Neugierde, diese Lust auf neue Wege, neue Problemlösungen abhanden gekommen? Ziehen wir Erwachsenen das bekannte Mittelmaß dem Unbekannten wohlmöglich deshalb vor, weil es uns während unserer eigenen, Schulzeit abgewöhnt wurde, Neues zu wagen? Das wäre ein weiterer guter Beweis dafür, wie dringend wir „Eine (andere) Schule für Alle” brauchen.
Julia Karnick
Grußwort der Journalistin Julia Karnick zur Auftaktveranstaltung am 18. September
Deutschen Kinderschutzbund Hamburg
"Der Vorstand des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Hamburg begrüßt den Start des Volksbegehrens "eine Schule für alle".
Als Lobby für alle Hamburger Kinder, insbesondere für die sozial und ökonomisch benachteiligten Kinder, fordert der Kinderschutzbund seit langem ein möglichst langes gemeinsames Leben und Lernen aller Kinder auf der Basis individueller Förderpläne.
Es ist durch alle vorhandenen nationalen und internationalen Studien belegt, dass vor allem die benachteiligten Kinder von der gemeinsamen Beschulung profitieren.
In zahlreichen Ländern ist zudem nachgewiesen, dass auch für leistungsstarke Kinder diese größere Heterogenität der Schülerschaft von Nutzen ist, wenn die pädagogischen Ausstattungen den unterschiedlichen Problemlagen angemessen sind und die Lehrerschaft entsprechend aus- und fortgebildet ist.
Hamburg als Stadt der pädagogischen Innovationen bei integrativen Maßnahmen sollte konsequent und mutig den letzten Schritt zu einer Schule für alle Hamburger Kinder machen.
Wir bitten die Hamburger Bevölkerung um Unterstützung dieses Volksbegehrens für die beste Zukunft der Hamburger Kinder."
Prof. Dr. Wulf Rauer, Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes,
Landesverband Hamburg
Dr. Ernst Rösner
Von Irrtümern und Realitäten im Bildungswesen
Jetzt sind wir offenbar in einem Übergang zur Etappe zwei: Eltern verweigern nicht mehr der Hauptschule, sondern der Verfasstheit des überkommenen Schulwesens ihre Zustimmung – und viele Lehrkräfte sind an ihrer Seite. PISA, IGLU und andere Studien zeigen Spätfolgen. Es hat sich nämlich herumgesprochen:
- Die integrierte Grundschule führt im internationalen Vergleich zu guten Erfolgen, die selektive Sekundarstufe I schafft das nicht.
- Übergangsentscheidungen erfolgen viel zu früh, sind hochgradig irrtumsbelastet und die Hauptursache für die fatale Abhängigkeit des Schulerfolges von der sozialen Herkunft.
- Unzureichende Systemleistungen in Verbindung mit unzureichenden Bildungschancen werfen den Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb immer weiter zurück.
Eltern und Lehrkräfte reagieren darauf. Die bisherige Frühauslese findet nur noch bei einem Viertel der Eltern Zustimmung, bei Sekundarschullehrkräften weniger als die Hälfte. Aber auch andere wichtige gesellschaftliche Gruppen fordern Strukturreformen, Organisationen aus dem Arbeitgeberlage ebenso wie kirchliche. Bei unterschiedlichen Motiven eint sie das Ziel: Schulformgliederung als Organisationsprinzip hat sich überlebt.
Dr. Ernst Röser
Auszug aus dem Vortrag am 18. September 2008 in Hamburg, Auftaktveranstaltung
18.09.2008
Grüne Jugend Hamburg unterstuetzt die Initiative "Eine Schule für alle"
Zur heutigen Auftaktveranstaltung der Initiative "Eine Schule für alle" erklärt die Landesvorsitzende der GRÜNEN JUGEND Hamburg (GJHH) Jennifer Broocks: "Wir unterstützen das Volksbegehren "Eine Schule für alle". Nur durch gemeinsames Lernen haben alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die gleichen Möglichkeiten einen guten Schulabschluss zu erreichen. Der Kompromiss der schwarz-grünen Koalition in Hamburg kann nur ein erster Schritt zu einem gerechten Bildungssystem sein."
Erklärung der MigrantInnenorganisationen
Erklärung der MigrantInnenorganisationen zum Volksbegehren “Eine Schule für Alle”
Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Schulsystem in der Bundesrepublik Deutschland seit geraumer Zeit ernsthafte strukturelle Probleme aufweist. Dies ist durch die Ergebnisse der PISA- Untersuchungen deutlich geworden. Vor allem stellt die dem Schulsystem innewoh-nende Selektion von SchülerInnen ein besonderes Problem dar.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse Deutschlands haben sich in den letzten 20 Jahren derart verändert, dass sich die Probleme durch die Selektion im Schulsystem noch mehr vergrößert haben Die zunehmende soziale Spaltung spiegelt sich in den Schulen wieder: So sitzen die Kinder und Jugendlichen aus den unteren Einkommensschichten vorwiegend in den Haupt- und Realschulen, währen die Kinder aus sozial besser gestellten Familien drei mal so hohe Chancen haben, für das Gymnasium empfohlen zu werden und das Abitur zu machen.
Die Kinder von MigrantInnen werden von diesen Problemen unseres Schulsystems beson-ders stark betroffen. Sie sind meistens die ersten Opfer der Selektion und ihre Zukunft wird durch diese Defizite auf dem Gebiet der Bildung verbaut.
Wir als MigrantInnenorganisationen bewerten aus diesen Gründen die von der schwarz-grünen Koalition in Hamburg getroffenen Entscheidung, die Zeit des gemeinsamen Lernens um zwei 2 Jahre zu verlängern, als unzureichend und inkonsequent. Daher betrachten wir es als unsere Pflicht, dem Volksbegehren “Eine Schule für Alle” unsere breiteste Unterstützung zu gewähren.
Wir rufen hiermit unsere Mitglieder auf, mit dazu beizutragen, dass in der Zeit vom 19. September bis zum 9. Oktober 2008 61.000 gültige Unterschriften gesammelt werden.
Die Unterzeichner:
Patronato INCA/CGIL Hamburg (Italienischen Gewerkschaftsbundes); Hüseyin Yilmaz, DGB Hamburg, Abt. Migration; Rat der Afghanischen Frauen in Deutschland e. V.; Dachorganisa¬tion der Iraner in Hamburg, Hamayesch e.V.; Koordinationsrat der Iranerinnen und Iraner in Hamburg e.V.; Föderation der Demokrati¬schen Arbeitervereine (DIDF- Hamburg); Haak-Bir Hamburg Anatolisch Alevitischer Kultur¬bund e.V.; AG- Migration und Flucht DIE LINKE; Mehmet Yildiz, Abgeordneter der Bürger¬schaftsfraktion DIE LINKE; Bundesverband der Migrantinnen Hamburg; Konkar- Hamburg
Jutta Blankau
"Eine Schule für Alle" ...
ist Grundvoraussetzung, die soziale Spaltung in dieser Gesellschaft zu überwinden.
Jutta Blankau, Gewerkschaftssekretärin
St. GeorgerInnen aktiv für das Volksbegehren
St. GeorgerInnen aktiv für das Volksbegehren „Eine Schule für Alle“
Hamburgs Bildungslandschaft ist in Bewegung geraten: Nicht nur die überholte Hauptschule ist abgeschafft, vielmehr lernen nun alle Kinder bis zur 6. Klasse gemeinsam. Doch spätestens danach wird weiterhin gesiebt, geht der eine Teil auf die so genannte Stadtteilschule, der andere aufs Gymnasium. Wer wohin kommt, entscheidet sich meist nach sozialer Herkunft. Damit werden die Weichen für den berufl ichen Lebenserfolg quasi in der Pubertät gestellt.
Wir St. GeorgerInnen wollen die bildungspolitische Aufbruchsituation nutzen und einen konsequenten Schritt weiter gehen: hin zu einer einheitlichen Schule für Alle! Wir plädieren dafür, dass alle Kinder bis zur 10. Klasse zusammen bleiben können und in kleineren Klassen individuell gefördert werden. Diese Gemeinschaftsschule würde endlich an den europäischen Normalverhältnissenanknüpfen und den in den PISA-Studien zutage getretenen Hauptmangel in der bundesdeutschen Schullandschaftabstellen. Für kleinere Stadtteile wie St. Georg dürfte eine solche Gemeinschaftsschule auch bedeuten, dass wieder alle Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse in ihrem eigenen Viertel zur Schule gehen können.
Wir unterstützen daher das hamburgische Volksbegehren „Eine Schule für Alle“, für das in der Zeit vom 19.9. bis 9.10.2008 gut 60.000 Unterschriften gesammelt werden müssen. Dann fi ndet bei einer der Wahlen im Jahre 2009 ein Volksentscheidstatt. CDU und GAL haben sich in ihrem Koalitionsvertrag verpfl ichtet, die Ergebnisse von Volksentscheiden einzuhalten.
St. Georg, den 30.8.2008
ErstunterzeichnerInnen (die Funktionsbezeichnungen dienen nur der Personenangabe): Peter Bertelmann, Elternvertreter der Kita St. Marien; Dr. Joachim Bischoff, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft; Kai Fieguth, Geschäftsführer des KinderhausesKoppelKinder; Karla Fischer, 2. Vorsitzende der Geschichtswerkstatt St. Georg e.V.; Irene Giese, Mutter und Anwohnerin;Andrea Gottschalk, Studienrätin; Jutta Gritti, Mutter und Vorstadtbühne St. Georg; Bernd Homann, Anwohner; Volker Honold, Vater und St. Georger Stadtteilbeiratsmitglied; Michael Joho, 1. Vorsitzender des Einwohnervereins St. Georg von 1987 e.V.; Regina Jürgens, Frauenbeauftragte; Gode Wilke, Vorstand VafK Landesverein HH e.V.; Hermann Jürgens, St. Georger Stadtteilbeiratsmitglied; Kirsten Khaschei, Elternvertreterin des Gymnasiums Klosterschule; Johannes Landwehr, Elternratder Heinrich-Wolgast-Schule; Wolfgang Rose, Chef der Hamburger Gewerkschaft Ver.di; Wolfgang Schnaubelt, Sozialpädagogeim Kinderhaus KoppelKinder; Berno Schuckart, 1. Vorsitzender einer MitarbeiterInnenvertretung; Michael Schulzebeer, Oberstudienrat; Heidrun Sperling, 1. Vorsitzende des Sportvereins Vorwärts St. Georg e.V.; Bernhard Stietz-Leipnitz, Mitgliedder Bezirksversammlung Hamburg-Mitte für DIE LINKE/St. Georg.
Kontakt: M. Joho, Stadtteilbüro St. Georg, Hansaplatz 9, 20099 Hamburg, Tel. 280 37 31.
Luc Jochimsen
Statement für die Volksinitiative „Eine Schule für alle“
1971 habe ich ein Buch geschrieben mit dem Titel „Hinterhöfe der Nation – Die deutsche Grundschulmisere“. 1971 wie gesagt, also vor 37 (!) Jahren. Dieses Buch beschrieb nicht nur den miserablen Ist-Zustand des 3-gliedrigen deutschen Schulsystems – im Vergleich beispielsweise zu den Verhältnissen in Skandinavien – es handelte auch von den damals als notwendig erkannten und von allen Parteien – bis auf die CSU – versprochenen Reformen: Die Schulreform Diskussion der 80er Jahre also. Da gab es zum Beispiel den Vorschlag des Deutschen Bildungsrats, den die damalige Regierung Brandt als Plan der Zukunft verkündete. Und der sah so aus: Eingerichtet wird
- ein Elementarbereich für 3- bis 4 jährige
- ein Primarbereich für 5- bis 8 jährige
- eine Orientierungsstufe für 10- bis 11 jährige
- den Sekundarbereich I für 12- bis 15 jährige
Vom 3. bis zum 15. Lebensjahr sollten alle Kinder gemeinsam lernen. Erst dann schloss sich der Sekundarbereich II für die 16- bis 18 jährigen an, eine Gymnasial- oder Gesamtschuloberstufe oder Fachoberschule oder Berufliche Ausbildung und Berufsschule. Vorschlag für unser „Bildungswesen der Zukunft“ ziemlich genau 38 Jahre alt. So gesehen könnten wir doch damit jetzt allmählich mal damit Ernst machen.
Die Gründe dafür kennen wir seit Generationen, die wissenschaftlichen Bücher bilden kilometerlange Begründungen. „Die Schule der Nation ist die Schule“ hat der damalige Bundeskanzler Brandt in seiner Regierungserklärung gesagt – und meinte damit EINE SCHULE FÜR ALLE. Nach fast 40 Jahren haben wir Wahlbürger die Chance über die Schulreform abzustimmen, die von der Politik so oft versprochen wurde, aber bisher nie kam.
Also: nur Mut!
Luc Jochimsen
Lilo Wanders
"Ich unterstütze ...
das Volksbegehren "Eine Schule Für Alle", denn sie verspricht größere Gerechtigkeit".
Lilo Wanders
Prof. Dr. Richard Sorg
Was spricht für "Eine Schule für alle"?
Für die Zukunft jedes einzelnen Menschen wie der Gesellschaft insgesamt sind Erziehung, Bildung, Sozialisation von kaum zu überschätzender Bedeutung.
Seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht ist die Schule die zentrale öffentliche, gesellschaftliche Bildungsinstitution, weil alle Kinder sie durchlaufen. Sie durchlaufen sie in einer Lebensaltersstufe, in der wichtige Weichen gestellt werden. Es sind Weichen nicht nur für ihr individuelles späteres Leben als Erwachsene, sondern es sind auch Weichenstellungen für die Entwicklung der Gesellschaft von morgen und übermorgen. Darum sind bei allen Fragen, die die Schule betreffen, beide Aspekte oder Perspektiven gleichermaßen wichtig und zu bedenken: die individuelle ebenso wie die gesellschaftliche Dimension.
Ein Schulsystem sollte so beschaffen und strukturiert sein, dass Schule als zentrale Bildungsinstitution den folgenden Erfordernissen und Gesichtspunkten möglichst optimal gerecht werden kann, und zwar sowohl (1) denen der einzelnen Schülerinnen und Schüler wie (2) denen der Gesellschaft insgesamt.
(1) Bildung, für die die Schule Chancen schaffen soll, wenn sie ihren zugedachten Aufgaben entsprechen will, hat es in der Perspektive des Individuums mit fundamentalen Bedürfnissen zu tun:
- die je eigenen Fähigkeiten zu entfalten;
- die Neugierde und den Durst nach neuem Wissen zu befriedigen, weil Wissen und Erkennen auch Lust bereiten kann;
- die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden;
- es geht um die Schaffung der Voraussetzungen für eine möglichst gute Qualifizierung für spätere berufliche Tätigkeiten,
- aber auch um Fähigkeiten, die soziale und demokratische Teihabe, Kooperationsfähigkeit und Solidarität ermöglichen.
2. Aus Sicht der Gesellschaft kann man bei der durch Schule zu ermöglichenden Bildung z.B. (a) funktionale und (b) soziale Gesichtspunkte unterscheiden.
(a) Eine gute Bildung der nachwachsenden Generation ist wichtig für die Erfüllung der gesellschaftlichen Aufgaben, die eine wachsende Qualifikation immer breiterer Teile der Bevölkerung erfordern. Weil alle gebraucht werden und alle Begabungen und Fähigkeiten ihren notwendigen Stellenwert haben, ist breite Förderung sinnvoll und notwendig, frühe Selektion dagegen dysfunktional für die Bildungserfordernisse einer Gesellschaft, zumal Begabungen oft erst später erkennbar werden und deshalb eine zu frühe Vorentscheidung für bestimmte Schullaufbahnen problematisch ist. Laut zahlreichen empirischen Befunden (z.B. der PISA-Studien) sind die gesamtgesellschaftlichen Ergebnisse in der Bildung bei einem einheitlichem Schulsystem besser als bei einem versäulten, z.B. dem drei- oder zweigliedrigen System.
(b) Eine gute Bildung ist aber nicht nur funktional für eine zukunftsorientierte Entwicklung einer modernen Gesellschaft, sie ist auch ein Beitrag zur demokratischen Teilhabe der Menschen; demokratische Strukturen können durch gebildete Menschen mit eigener Urteilskraft gestärkt werden. Breite Bildung ist ferner ein Beitrag gegen vordemokratische Privilegiensicherung und damit zur Verringerung sozialer Ungleichheit und zur Vermehrung sozialer Gerechtigkeit. Sie stärkt soziales Miteinander und mindert soziale Spaltung. Jede Gesellschaft braucht nicht nur funktionale Fähigkeiten, sondern auch soziale. Diese sich anzueignen (Soziales Lernen) wird gefördert durch eine gemeinsame Schule, in der alle mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten zusammen sind, mit ihren unterschiedlichen sozialen und ethnisch-kulturellen Herkünften. In einem solchen Reichtum durch Vielfalt kann es eher gelingen, soziale, interkulturelle, teamorientierte, kooperative Kompetenzen zu entfalten und zu fördern sowie die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen. Gerade Integration statt Selektion, gerade ein langes Zusammenbleiben der Schülerinnen und Schüler kann die Fähigkeit zur Kooperation zwischen unterschiedlichen Begabungen, kann gegenseitige Unterstützung und Hilfe fördern, die alle Beteiligten voranbringt. Indem niemand zurückgelassen und ausgegrenzt wird, werden die sozialen Folgen von Ausgrenzungen nicht in die Zukunft verschoben, sondern Probleme und Konflikte sofort und dort bearbeitet, wo sie entstehen.
All dies spricht für „Eine Schule für alle“.
Prof. Dr. Richard Sorg
Soziologe und Hochschullehrer, HAW Hamburg
